Warum ich vier Monate reisen musste

Warum ich vier Monate reisen musste

Das größte Geschenk, das ich mir jemals selbst machen konnte, bestand aus einer viermonatigen Auszeit. Natürlich waren diese vier Monate nicht nur glücklich und schön, aber es ist ein Prozess in Gang gekommen. Ohne diesen Prozess würde ich noch in derselben Sackgasse stehen wie 2016 und an denselben Mauern und Schranken verzweifeln. Letztendlich brauchte ich nur eine Luft- und Sichtveränderung und schon stellte ich fest, dass ich schon viel zu lange um Dinge kämpfte, die ich eigentlich gar nicht wollte.

Das Jahr 2016 fing ehrlich gesagt schon ziemlich beschissen an

Am 01. Januar war ich (wie an vielen Feiertagen) arbeiten. Generell nahm mein Arbeitspatz viel Raum in meinem Leben ein. Ich hatte einen 42,5 Stunden Vertrag, erarbeitete mir aber zusätzlich noch einige Überstunden. Mein Betriebshandy war 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche an und meine Mitarbeiter riefen mit Vorliebe nachts und in den sehr frühen Morgenstunden an. Ich hatte mehr Verantwortung als mir lieb war und als mir anerkannt wurde. Zudem musste ich Entscheidungen treffen, die weder sozial noch rechtlich wirklich abgesichert waren. Ich fühlte ich mehr und mehr ausgebeutet und empfand mein eigenes Handeln als ausbeuterisch. Sollte das wirklich mein Lebensinhalt sein? Mich auf dem Rücken anderer weiterzuentwickeln? Ein Lob von Vorgesetzten zu bekommen, weil ich das Arbeitsrecht zu Gunsten des Arbeitgebers auslegt und somit den Arbeitnehmer in die Pfanne haut, fühlte sich widerlich an.
Gesundheitlich wurde das Jahr auch nicht besser. Ich hatte gleich zwei Operationen im März und April, die mich psychisch sehr mitnahmen. Zudem beendete ich ausgerechnet in dieser Zeit meine Beziehung. Mein Exfreund ist ein unglaublich lieber und toller Mann und ich respektiere und mag ihn nach wie vor sehr. Doch in der Beziehung fühlte ich mich (ohne einen Grund sagen zu können) einfach nicht angekommen.

Es machte sich in mir eine immer größer werdende Unzufriedenheit breit

Schon im Januar hatte ich beschlossen, eine Weltreise zu unternehmen. Dieser Beschluss wurde im März durch Gesundheit und Operation auf eine harte Probe gestellt. Doch ich blieb bei dem Entschluss und bereitete mich weiterhin auf die Weltreise vor. Sie sollte ein Jahr dauern und ich hatte so viele Länder und Ziele ins Auge gefasst, dass ich heute nur noch darüber schmunzeln kann. Dann lernte ich im April Basti kennen und betrachtete ihn erstmal als guten Freund. Im Mai musste ich allerdings mir und ihm eingestehen, dass da definitiv mehr ist. Wir stürzten uns Halsüberkopf in unsere Beziehung und ich hatte sofort da Gefühl, dass das alles richtig ist. Dennoch hing über uns das Damoklesschwert „Weltreise“. Ich hatte im Mai auch schon die Kündigung zu Ende Oktober eingereicht und ein Ticket nach Neuseeland im November gebucht. Uns war klar, dass uns lediglich ein halbes Jahr blieb, um unsere Beziehung so zu festigen, dass wir ein Jahr Trennung aushalten.

Das konnte nicht funktionieren

Im Juli eskalierte für mich die Situation auf der Arbeit und ich saß heulend beim Arzt. Dieser schrieb mich sofort auf Depression krank und riet mir dringend meinen beruflichen und privaten Zustand zu ändern. In dieser Zeit war mir Basti eine enorme Unterstützung, denn jegliche Aktivität bedeutete für mich in dieser Zeit enormen Druck. Lediglich ein Termin in der Woche war mir einfach zu viel. Nach dreiwöchiger Krankmeldung ging ich trotzdem wieder zur Arbeit. Dort empfing mich wenig freudiges. Meine lange Krankmeldung wurde als Affront aufgefasst, schließlich war ich Anfang des Jahres trotz OP’s erreichbar und hatte mir Home Office eingetragen. Ab da war jeder Arbeitstag ein Spießrutenlauf und ich fragte mich immer wieder, warum ich nicht auf mein Umfeld hörte und mich weiterhin krankmeldete. Aber das hätte ich mir selbst nicht zugestehen können.
Im September 2016 kam von Basti die Frage aller Fragen und ich verkürzte meine Reiseplanung auf ein halbes Jahr. Ich gab meine Wohnung auf und zog Stück für Stück bei ihm ein. Dennoch hatte ich das Gefühl, diese Reise machen zu müssen. Längst hatte ich meine Liste mit den Reisezielen gelöscht und mir vorgenommen, ohne Plan zu reisen.

Letztendlich war die Reise dann völlig anders als erwartet.

Ich hätte nie erwartet, welch ein Geschenk diese Reise war und was sie in mir verändert hat.

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